Longevity-Forschung
Alpha-Ketoglutarat (AKG): was hinter „minus 8 Jahre“ steckt
Die Zahl kursiert in jeder AKG-Werbung. Woher sie stammt, warum sie nichts trägt — und welche Studie gerade läuft, deren Ergebnis wirklich zählt.
Was AKG ist
Alpha-Ketoglutarat ist kein exotischer Pflanzenextrakt, sondern ein Zwischenprodukt deines eigenen Stoffwechsels. Es sitzt mitten im Citratzyklus — der Reaktionskette, mit der deine Zellen Energie gewinnen. Außerdem ist es Partner in zahlreichen Aminosäure-Reaktionen und beteiligt an Enzymen, die epigenetische Markierungen bearbeiten.
Wie bei NAD⁺ und Spermidin folgt daraus dieselbe Erzählung: Der Spiegel sinkt mit dem Alter, das Molekül ist zentral, also auffüllen. Du kennst das Muster inzwischen — und weißt, dass es fast nie so einfach ist.
Die Tierdaten — der ernstzunehmende Teil
Fangen wir mit dem an, was tatsächlich gut ist. 2020 erschien in Cell Metabolism eine Arbeit des Buck Institute, die aus dem üblichen Rauschen heraussticht.
Experimentell Mäuse bekamen ab einem Alter von 18 Monaten — also erst im mittleren Alter — Calcium-AKG ins Futter. Bei den Weibchen stieg die mittlere Lebensspanne um 16,6 %, die maximale um 19,7 %.
Zwei Dinge machen die Studie bemerkenswert. Erstens begann die Behandlung spät — das ist praxisnäher als die üblichen Versuche, bei denen Tiere ihr Leben lang behandelt werden. Zweitens ging es nicht nur ums Überleben: Die Tiere waren in ihren letzten Lebensmonaten weniger gebrechlich. Die Forschenden nennen das komprimierte Morbidität — mehr gesunde Jahre, kürzere Leidenszeit. Genau das, worum es beim Healthspan geht.
Und jetzt die Einschränkung, die in der Werbung nie vorkommt:
Hinweise Bei den männlichen Mäusen war die Lebensverlängerung zahlenmäßig vorhanden, aber statistisch nicht signifikant (9,6 % bzw. 12,8 %).
Ein Effekt, der nur bei einem Geschlecht sicher nachweisbar ist, ist ein schwächerer Befund als „AKG verlängert das Leben”. Die Gesundheitsverbesserungen zeigten sich immerhin bei beiden Geschlechtern. Erwähnenswert ist außerdem: Mehrere Autoren der Studie halten Anteile an einem Unternehmen, das AKG-Präparate verkauft — offen deklariert, wie es sich gehört, aber es gehört zur Einordnung.
Trotzdem: Das sind gute Tierdaten. Das Problem beginnt eine Etage darüber.
Die berühmten 8 Jahre
Wer heute AKG-Werbung liest, stolpert unweigerlich über diese Zahl: minus 8 Jahre biologisches Alter. Sie wird als der Beleg präsentiert, dass AKG beim Menschen wirkt.
Schauen wir nach, woher sie kommt.
Hinweise Die Zahl stammt aus einer retrospektiven Auswertung von 42 Personen, die ein kommerzielles AKG-Präparat im Schnitt sieben Monate lang eingenommen hatten. Es gab keine Kontrollgruppe, kein Placebo, keine Randomisierung.
Man hat also nicht zwei Gruppen verglichen, sondern bei Kundinnen und Kunden vorher und nachher gemessen. Die Autoren kommen aus zwei Firmen: der einen, die den verwendeten Methylierungstest herstellt, und der anderen, die das Präparat verkauft. Messinstrument und Produkt aus derselben kommerziellen Ecke.
Fairerweise: Die Autoren selbst schreiben, dass weitere Prüfung nötig sei — ausdrücklich in einem placebokontrollierten Design. Sie verkaufen ihre Arbeit nicht als Beweis. Das tut die Werbung.
Warum diese Zahl nichts trägt
Jetzt der Kern. Man braucht keinen Doktortitel, um zu erkennen, warum aus dieser Auswertung kein Wirksamkeitsbeleg wird. Drei Gründe.
Erstens: Der Effekt ist kleiner als die Messungenauigkeit.
Belegt Bei sechs führenden epigenetischen Uhren erzeugt technisches Rauschen Abweichungen von bis zu neun Jahren — zwischen zwei Messungen derselben Blutprobe.
Das haben wir in unserem Beitrag zu den Epigenetik-Uhren ausführlich beschrieben. Der behauptete Effekt beträgt acht Jahre. Er liegt also unterhalb dessen, was das Messgerät allein durch Zufall produziert. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich beides nicht auseinanderhalten.
Zweitens: Regression zur Mitte. Wer bei einer schwankenden Messgröße Menschen mit besonders hohen Werten auswählt und später erneut misst, findet fast zwangsläufig niedrigere Werte — ganz ohne Behandlung. Das ist reine Statistik. Auffällig: Die Auswertung berichtet größere Effekte ausgerechnet bei den „biologisch älteren” Teilnehmenden. Das ist genau die Signatur, die man erwartet, wenn Regression zur Mitte am Werk ist.
Drittens: Kein Placebo, kein Vergleich. Menschen, die ein teures Longevity-Präparat kaufen und sich testen lassen, ändern oft mehr als nur die Kapsel — sie schlafen bewusster, bewegen sich mehr, essen anders. Ohne Kontrollgruppe weiß niemand, was davon gewirkt hat.
Jeder einzelne dieser Punkte würde reichen. Alle drei zusammen bedeuten: Die Zahl sagt über AKG nichts aus.
Die Studie, auf die es ankommt
Und hier wird die Sache ärgerlich — denn die richtige Studie existiert.
Sie heißt ABLE: doppelblind, placebokontrolliert, randomisiert. 120 gesunde Menschen zwischen 40 und 60 in Singapur, deren gemessenes biologisches Alter über ihrem kalendarischen liegt. Ein Gramm Calcium-AKG mit verzögerter Freisetzung gegen Placebo, sechs Monate Behandlung plus drei Monate Nachbeobachtung. Hauptzielgröße: die Veränderung des Methylierungsalters.
Genau so muss man das machen. Das Studienprotokoll wurde 2023 veröffentlicht.
Belegt Die Ergebnisse von ABLE liegen bis heute nicht vor. 2025 erschien lediglich eine Auswertung zum Rekrutierungsverlauf; die eigentlichen Resultate sind weiterhin unveröffentlicht.
Damit steht AKG beim Menschen exakt dort, wo Spermidin vor SmartAge stand: interessante Tierdaten, eine schwache Vorab-Auswertung, und eine ordentliche Studie, deren Ergebnis noch aussteht. Bei Spermidin fand die ordentliche Studie am Ende nichts. Ob es bei AKG anders ausgeht, weiß niemand — und genau das ist der Punkt.
So erkennst du Werbung im Ratgeber-Gewand
Weil AKG gerade massiv beworben wird, hier die Muster, an denen du solche Seiten erkennst. Sie tauchen selten einzeln auf — meist gleich im Rudel:
Die Symptom-Checkliste am Anfang. „Müde trotz Schlaf? Antriebslos? Konzentration lässt nach?” Diese Listen sind so gebaut, dass praktisch jeder Erwachsene drei Punkte ankreuzt. Sie erzeugen ein Problem, für das dann das Produkt bereitsteht.
Der Studienname ohne Studie. Ein echter, seriöser Studienname wird auf eine ganz andere, schwächere Arbeit geklebt. Prüfbar in zwei Minuten: Studiennamen in eine Suchmaschine, Original ansehen. Stimmt Jahr, Journal und Design?
Das „Fachlich geprüft von”-Siegel. Ein Arztporträt mit Zitat schafft Autorität. Frag dich: Steht dort eine überprüfbare Person mit Klinik oder Praxis — und wird offengelegt, in welchem Verhältnis sie zum Verkäufer steht?
Die „Bekannt aus”-Logowand. Stern, FAZ, SZ, Welt nebeneinander. Das bedeutet fast nie, dass diese Medien berichtet haben — meist wurden dort Anzeigen geschaltet.
Die Dosis unter der zitierten Studie. Ein Klassiker: Die Seite kritisiert Konkurrenzprodukte für Unterdosierung — und liefert selbst weniger als die Studie, auf die sie sich beruft. Vergleiche die Milligramm-Angabe mit der Studie.
Kapsel statt Teller. Als Beleg dient eine Beobachtungsstudie zur Ernährung, verkauft wird ein Präparat. Genau dieser Fehler steckt hinter fast jeder Supplement-Erzählung — siehe unseren Spermidin-Beitrag.
Dringlichkeit und Preisanker. „Wer nach vier Wochen aufhört, verschenkt die Wirkung.” „Einzelkauf 263 €, unser Paket 59 €.” Beides sind Verkaufstechniken, keine Evidenz.
Der Disclaimer im Kleingedruckten. Sätze wie „Diese Aussagen wurden nicht von der EFSA bewertet” sind aus dem US-Recht übersetzt und haben in der EU keine Rechtswirkung. In der EU müssen gesundheitsbezogene Angaben zugelassen sein — ein Hinweis macht eine unzulässige Angabe nicht zulässig. Wenn so ein Satz dort steht, ist das eher ein Warnsignal als eine Absicherung.
Häufige Missverständnisse
„AKG ist körpereigen, also unbedenklich.” Körpereigen heißt nicht harmlos in konzentrierter Dauerdosis. Zu Langzeiteinnahme beim Menschen gibt es keine Daten.
„Die Studie stand doch in einem Fachjournal.” Peer-Review prüft, ob eine Arbeit sauber berichtet ist — nicht, ob ihr Design für die Schlussfolgerung taugt. Die 42-Personen-Auswertung ist korrekt als retrospektiv und unkontrolliert beschrieben. Man muss es nur lesen.
„In Mäusen ist es bewiesen.” Bei weiblichen Mäusen, ab mittlerem Alter, mit signifikanter Lebensverlängerung — bei männlichen nicht signifikant. Und Maus ist nicht Mensch.
„Mein biologisches Alter ist messbar gesunken.” Bei einem Messrauschen von bis zu neun Jahren ist eine einzelne Veränderung nicht von Zufall zu unterscheiden.
Fazit
AKG ist ein interessantes Molekül mit ordentlichen Tierdaten — besser als vieles, was in diesem Feld beworben wird. Die komprimierte Morbidität bei den Mäusen ist genau das, was man sich wünscht.
Die „8 Jahre” hingegen sind ein Musterbeispiel dafür, wie aus einer schwachen Auswertung eine Werbezahl wird: keine Kontrollgruppe, ein Effekt unterhalb des Messrauschens, Autoren mit Produktnähe — und in der Vermarktung dann der Name einer ganz anderen, ordentlichen Studie obendrauf.
Das Bittere daran: Diese ordentliche Studie läuft gerade. Wir müssten nur ihr Ergebnis abwarten. Wer die Zahl heute schon verkauft, nimmt vorweg, was niemand weiß — und beschädigt die Forschung, auf die er sich beruft.
Wir aktualisieren diesen Beitrag, sobald die ABLE-Ergebnisse veröffentlicht sind. Bis dahin gilt, was in diesem Cluster immer gilt: interessant, unbewiesen, abwarten.
Kein Bestandteil dieses Beitrags ist eine Kaufempfehlung. Sprich vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit einer Ärztin oder einem Arzt — besonders bei Vorerkrankungen oder anderen Medikamenten.
Quellen
- Asadi Shahmirzadi A et al.: Alpha-Ketoglutarate, an Endogenous Metabolite, Extends Lifespan and Compresses Morbidity in Aging Mice (Cell Metabolism) (2020) — Zentrale Tierstudie; Lebensverlängerung nur bei weiblichen Mäusen signifikant
- Demidenko O et al.: Rejuvant®, a potential life-extending compound formulation with alpha-ketoglutarate and vitamins, conferred an average 8 year reduction in biological aging … in the TruAge DNA methylation test (Aging) (2021) — Quelle der „8 Jahre“: retrospektive Auswertung von 42 Personen ohne Kontrollgruppe
- Sandalova E et al.: Alpha-ketoglutarate supplementation and BiologicaL agE in middle-aged adults (ABLE) — intervention study protocol (GeroScience) (2023) — Studienprotokoll der randomisierten, placebokontrollierten Studie — Ergebnisse stehen aus
- Recruitment evaluation of a gerotherapeutic randomized controlled trial testing alpha-ketoglutarate in biologically older, middle-aged adults (ABLE) (2025) — Auswertung zur Rekrutierung — belegt, dass die Ergebnisse 2025 noch nicht vorlagen
- Higgins-Chen AT et al.: A computational solution for bolstering reliability of epigenetic clocks (Nature Aging) (2022) — Messrauschen epigenetischer Uhren: bis zu 9 Jahre zwischen Wiederholungsmessungen