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Ernährung

Protein im Alter: Wie viel du wirklich brauchst, um Muskeln zu halten

Ab 65 empfiehlt sogar die DGE mehr Eiweiß — Fachgesellschaften gehen noch höher. Was belegt ist, worauf es ankommt und wann Vorsicht gilt.

Warum Muskeln im Alter über Gesundheit entscheiden

Ab etwa dem 30. bis 40. Lebensjahr beginnt der Körper, langsam Muskelmasse zu verlieren — ein Prozess, der sich mit den Jahren beschleunigt. Fachleute nennen ihn Sarkopenie. Das ist kein kosmetisches Thema.

Belegt Der Verlust von Muskelmasse und ‑funktion im Alter sagt Stürze, den Verlust der Selbstständigkeit und eine erhöhte Sterblichkeit voraus.

Muskeln tragen dich durch den Alltag: aufstehen, Treppen steigen, das Gleichgewicht halten. Schwinden sie, wächst das Risiko für Stürze und Brüche — und damit für den Moment, ab dem jemand nicht mehr allein zurechtkommt. Muskelerhalt ist deshalb einer der wirksamsten Hebel für gute, selbstbestimmte Jahre. Zwei Dinge halten ihn in Gang: genügend Protein und ein Trainingsreiz.

Warum Ältere mehr Protein brauchen als Jüngere

Hier steckt ein Punkt, der lange unterschätzt wurde: Alternde Muskeln reagieren schwächer auf Protein als junge. Dasselbe Steak löst bei einer 70-jährigen Person weniger Muskelaufbau aus als bei einer 25-jährigen. Fachleute sprechen von anaboler Resistenz.

Hinweise Ältere brauchen pro Mahlzeit tendenziell mehr Protein als Jüngere, um denselben Aufbaureiz im Muskel auszulösen.

Die Größenordnung, die in der Forschung diskutiert wird: Während bei jüngeren Erwachsenen etwa 20–25 g Protein pro Mahlzeit genügen, um die Muskelproteinsynthese nahezu auszureizen, werden für ältere Menschen eher 35–40 g angesetzt. Diese Zahlen sind Orientierungswerte aus Studien, keine starre Vorgabe — die genaue Schwelle ist individuell und noch nicht abschließend geklärt. Der Kern bleibt aber: Es geht im Alter nicht nur um die Gesamtmenge, sondern auch darum, sie sinnvoll über den Tag zu verteilen.

Was die Zahlen sagen

Der klassische Referenzwert für Erwachsene lautet 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Für ältere Menschen halten Fachleute das inzwischen für zu niedrig.

Belegt Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt für Erwachsene ab 65 Jahren einen Schätzwert von 1,0 g Protein je kg Körpergewicht pro Tag — mehr als die 0,8 g für Jüngere.

International gehen Expertengruppen wie PROT-AGE und ESPEN noch einen Schritt weiter: Für gesunde Ältere empfehlen sie im Mittel etwa 1,0–1,2 g/kg pro Tag, für körperlich Aktive eher an der oberen Grenze, und bei akuten oder chronischen Erkrankungen 1,2–1,5 g/kg. Das sind allgemeine Studien- und Leitlinienwerte zur Einordnung — keine persönliche Dosierungsempfehlung. Was für dich passt, hängt von Gewicht, Aktivität, Gesundheitszustand und Nierenfunktion ab und gehört mit ärztlicher oder ernährungsfachlicher Begleitung geklärt.

Zur Größenordnung: 1,0 g/kg entsprechen bei einem Referenzgewicht rund 57–67 g Protein am Tag — eine Menge, die sich gut über normale Lebensmittel erreichen lässt.

Protein allein reicht nicht: die Rolle des Krafttrainings

Das ist die vielleicht wichtigste Botschaft des Artikels: Protein ist Baumaterial — aber ohne Bauauftrag passiert wenig.

Belegt Muskelerhalt und ‑aufbau im Alter gelingen vor allem durch die Kombination aus ausreichend Protein und Krafttraining; Protein ohne Trainingsreiz baut kaum Muskeln auf.

Eine große Meta-Analyse über 49 Studien mit rund 1.860 Teilnehmenden zeigte, dass zusätzliches Protein die Kraft- und Muskelzuwächse durch Krafttraining verstärkt — wobei die Gesamt-Proteinmenge wichtiger war als der genaue Zeitpunkt oder die Proteinquelle.

Hinweise Wie viel zusätzliches Protein speziell bei Älteren den Trainingseffekt verstärkt, ist weniger eindeutig — die Studienlage ist hier gemischt.

Ein Teil dieser Uneinheitlichkeit erklärt sich damit, dass ältere Teilnehmende in den Studien oft nur geringe Zusatzmengen bekamen — und durch die anabole Resistenz, die den Effekt dämpft. Unstrittig ist die Richtung: Krafttraining ist der Motor, Protein der Treibstoff. Beides zusammen wirkt, keines allein reicht.

Woher das Protein kommt

Sowohl tierische (Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte) als auch pflanzliche Quellen (Hülsenfrüchte, Getreide, Nüsse) liefern Protein.

Hinweise Tierische Proteine enthalten meist alle unentbehrlichen Aminosäuren in guter Menge; bei pflanzlichen kommt es auf eine sinnvolle Kombination an — dann lässt sich der Bedarf auch vegetarisch oder vegan decken.

Zur Frage, wie genau man Protein über den Tag verteilen sollte und welche Rolle einzelne Aminosäuren wie Leucin spielen, gibt es Hinweise, aber noch keine belastbare Grundlage für präzise Empfehlungen — die Fachgesellschaften halten sich hier bewusst zurück. Als grobe, alltagstaugliche Faustregel bleibt: mehrere Mahlzeiten mit einer ordentlichen Portion Protein, statt alles auf eine Mahlzeit zu legen.

Wann Vorsicht geboten ist

So klar der Nutzen für die meisten ist — pauschal „viel Protein ist immer gut” stimmt nicht.

Belegt Bei fortgeschrittener Nierenerkrankung kann eine hohe Proteinzufuhr die Nierenfunktion weiter verschlechtern — für diese Gruppe gelten andere Regeln.

Das PROT-AGE-Papier nennt Menschen mit schwerer Nierenerkrankung (ohne Dialyse) ausdrücklich als Ausnahme, die die Proteinmenge eher begrenzen sollte. Auch bei anderen Vorerkrankungen kann der richtige Wert abweichen. Genau deshalb sind die Zahlen oben eine Einordnung der Studienlage — und kein Ersatz für die individuelle Abklärung mit einer Ärztin oder einem Arzt.

Fazit

Muskelerhalt gehört zu den stärksten Hebeln für gesunde, selbstständige Jahre — und Protein ist dafür ein zentraler Baustein, gerade weil der Körper im Alter schlechter darauf anspricht. Die Belege sprechen dafür, dass ältere Menschen eher am oberen als am unteren Rand der Empfehlungen liegen sollten, kombiniert mit regelmäßigem Krafttraining. Wie viel im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von deiner Situation ab — besonders die Nierenfunktion entscheidet mit. Die Richtung ist klar; die genaue Menge klärst du am besten fachlich begleitet.

Warum Muskeln über die Zahl der gesunden Jahre mitentscheiden, ordnet unser Beitrag zu Healthspan vs. Lifespan ein.

Quellen

  1. Bauer J et al.: Evidence-Based Recommendations for Optimal Dietary Protein Intake in Older People — PROT-AGE Study Group (JAMDA) (2013) — Internationales Experten-Positionspapier
  2. Deutz NE et al.: Protein intake and exercise for optimal muscle function with aging — Recommendations from the ESPEN Expert Group (Clinical Nutrition) (2014) — Leitlinien-nahe Expertenempfehlung
  3. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte und Leitlinie Protein (2025) — Offizielle deutsche Referenzwerte
  4. Morton RW et al.: Systematic review, meta-analysis and meta-regression … protein supplementation on resistance training-induced gains (British Journal of Sports Medicine) (2018) — Meta-Analyse, 49 Studien, 1.863 Teilnehmende